Ein Stück «royale Mentalität» steckt in uns allen


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• Wenn wir unsere königliche Attitüde beibehalten, gibt es keine Veränderung.

• Wir sollten andere nicht verurteilen, sondern die Hintergründe analysieren. • Wir lesen aus Gesichtern anderer, sehen uns aber selbst nicht

Veränderungen vollziehen sich nirgends so langsam wie im Umfeld königlicher Häuser. Die Medienberichterstattung der letzten royalen Hochzeit in England machte zum ersten Mal für die ganze Welt sichtbar: «Lippenbekenntnisse» und wirkliche Umsetzung von Veränderung sind nicht das Gleiche. Grosszügig wurde von den adligen Hochzeitsgästen eine Braut akzeptiert, die noch vor wenigen Jahren keinen nahen Zugang zur königlichen Familien erhalten hätte. Diese Offenheit sollte zeigen, dass das 21. Jahrhundert auch in den gehobenen Adelsfamilien angekommen ist.

Doch im Laufe der Feier war aus den Reaktionen einzelner Gäste klar ersichtlich: Wir haben «Ja» gesagt zur Braut, aber das beinhaltet nicht ein «Ja» zur neuen Kultur, die sie mitbringen könnte. Flammende, emotionale Reden eines Bischofs über Liebe in Verbindung mit Flüchtlingen und Sklaven, ein Gospelchor, der mit seinem Lied polarisierte – das war eindeutig zu viel an Neuem in diesem sonst geschlossenen und zurückhaltenden Kreis.

Es wäre jetzt einfach, die royalen Gäste zu verurteilen, so wie es im Moment in diversen Magazinen gemacht wird. Ihnen Scheinheiligkeit und mangelnde Bereitschaft für Veränderung vorzuwerfen. Sie zu beschuldigen, Offenheit vorzutäuschen, aber nicht wirklich zu akzeptieren, dass die Veränderung im Kleinen grosse Konsequenzen haben kann. Doch wenn wir ehrlich sind, hat uns die Reaktion einiger Gäste den Spiegel vorgehalten. In der Wirtschaft und in unserer Gesellschaft erleben wir tagtäglich dasselbe: Es wird «Ja» zu einer Veränderung gesagt, aber die Konsequenzen werden nicht getragen. Nur werden unsere konsternierten Gesichter nicht weltweit am TV übertragen, niemand sieht es. Wir selber sehen uns nicht.

Wenn wir das Anliegen von «mehr Frauen in die Verwaltungsräte» betrachten, sind alle sehr offen, und sofort wird anerkannt, dass eine bessere Ausgewogenheit für die Unternehmen heute absolut wichtig wäre. Doch genauso wie der royale Zirkel funktionieren heute noch die meisten Verwaltungsräte. Man(n) kennt sich, der vertraute Rahmen gibt Sicherheit, und jeder, der aus diesem Umfeld dazukommt, stellt diese Sicherheit nicht in Frage. Entsprechend bedeutet das sehr oft: «Natürlich» sind Frauen in der Funktion als Verwaltungsrätin wichtig, wenn möglich jedoch bitte in einem anderen Unternehmen.

Ebenso ist die Forderung von «Vereinbarkeit von Familie und Beruf» heute eine Selbstverständlichkeit, die an sich nicht mehr zu Diskussionen anregen würde. Diskutiert wird allerdings darüber, warum die Umsetzung bis heute nicht wirklich möglich ist. Wenn die Unternehmen darauf angesprochen werden, sind sie in der Öffentlichkeit alle dafür und absolut offen. Aber die Konsequenz des Handels fehlt. Hier spreche ich nicht allein die Situation der Frauen an! Bedenklich ist, dass bei jungen Familien, die sich organisieren würden, die Väter klare Absagen erhalten, wenn sie ihre Führungsfunktion mit «nur» 80-90 % behalten möchten. Dies zudem in Unternehmen, die unermüdlich erklären, dass sie selbstverständlich für Teilzeit offen seien.

Wir sagen «Ja» zu den Veränderungen durch die Digitalisierung und erschrecken über die Schnelligkeit der Konsequenzen, die auf uns zukommen. Wir stecken den Kopf in den Sand und hoffen, dass der Sturm vorübergeht. Oder wir harren aus, weil wir hoffen, dass andere als erste die neuen Schritte gehen – und aus der Unerfahrenheit heraus Fehler begehen, so dass wir danach von jenen Fehlern der anderen profitieren können.

Wir kennen die Situation der 50+-Kandidatinnen und -Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt. Wir wissen um den drohenden Fachkräftemangel. Und trotzdem schauen sich viele verantwortliche Personen in den Diskussionen genauso konsterniert an wie die royalen Gäste in der Kirche während der Predigt des Bischofs.

Deshalb sehe ich das von den Medien als «Hochzeit des Jahrzehnts» betitelte Ereignis nicht einfach als Lifestyle-Berichterstattung an. Ich sehe es als Berichterstattung über unseren gesellschaftlichen Zustand.


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